Mikro, aber mächtig: Wenn Viren belasten

In den letzten Wochen sorgte ein neues Virus in der Pferdewelt für Aufsehen: das Shamonda-like-Virus.

Seit Ende Juli 2026 wurden in der Schweiz vermehrt Pferde mit neurologischen Auffälligkeiten gemeldet. Inzwischen konnte das Virus im Hirngewebe mehrerer verstorbener Pferde nachgewiesen werden. Es gehört zur Gruppe der Orthobunyaviren und wird nach heutigem Wissensstand durch kleine blutsaugende Mücken, sogenannte Gnitzen, übertragen. Noch sind viele Fragen offen, insbesondere zur Krankheitsentstehung und zur genauen Rolle des Virus bei den neurologischen Erkrankungen.

Für mich ist das ein eindrückliches Beispiel dafür, wie wenig man von einem Erreger manchmal sieht und wie viel er im Organismus auslösen kann. Auch bei den Herpesviren, mit denen wir uns in der osteopathischen und naturmedizinischen Arbeit mit Pferden beschäftigen, lohnt sich ein genauerer Blick.

Herpes: Viren mit kluger Tarnfähigkeit

Viele Pferde kommen bereits in jungen Jahren mit Herpesviren in Kontakt. Besonders die equinen Herpesviren EHV-1 und EHV-4 sind weit verbreitet. Nach einer Infektion können sie lebenslang im Körper verbleiben, ohne dass das Pferd ständig Krankheitssymptome zeigt.

Die Viren können sich in bestimmten Zellen und Geweben zurückziehen und dort latent verbleiben. Bei EHV-1 und EHV-4 gehören dazu unter anderem Nervenganglien. Unter bestimmten Bedingungen können latente Viren reaktiviert werden. Stress, andere Erkrankungen, hohe körperliche Belastung und Veränderungen der Immunregulation können dabei eine Rolle spielen.

Ein differenzierter Blick auf die Herpesviren

Die verschiedenen equinen Herpesviren unterscheiden sich unter anderem darin, welche Gewebe sie betreffen und mit welchen Erkrankungen sie in Verbindung stehen.

Zu den Alphaherpesviren gehören EHV-1 und EHV-4. Beide können Atemwegserkrankungen verursachen. EHV-1 kann darüber hinaus zu Aborten und schweren neurologischen Erkrankungen führen. EHV-4 betrifft vor allem die Atemwege.

Gammaherpesviren wie EHV-2 und EHV-5 werden unter anderem im Zusammenhang mit Atemwegs- und Augenproblemen nachgewiesen. EHV-5 wird zudem mit der equinen multinodulären pulmonalen Fibrose, einer schweren chronischen Lungenerkrankung, in Verbindung gebracht.

Ein Erregernachweis allein erklärt jedoch nicht immer die aktuellen Beschwerden. Entscheidend ist, ihn im Zusammenhang mit den klinischen Befunden und der individuellen Situation des Pferdes zu betrachten.

Wenn Viren im Hintergrund mitwirken

Nicht jede Herpesproblematik zeigt sich durch akute Atemwegsbeschwerden, Fieber oder neurologische Ausfälle. Gerade latente Viren und mögliche Reaktivierungen verdienen einen genaueren Blick. Oft sind es die unscheinbaren, wiederkehrenden Veränderungen, die in der Fallbetrachtung aufhorchen lassen.

In meiner Arbeit begegnen mir Pferde mit chronischen Muskelverspannungen, hartnäckigen Triggerpunkten oder einem Leistungsabfall, für den sich nicht auf Anhieb eine Erklärung findet. Auffällig sind dabei auch wiederkehrende Zeitfenster: Januar und Februar sowie September und Oktober, wenn sich die Jahreszeiten verändern und der Organismus sich an neue Bedingungen anpassen muss.

Manche Pferde husten sporadisch beim Antraben, andere reagieren nach Kälteeinbrüchen oder feuchter Witterung mit vermehrter Steifigkeit. Wieder andere wirken phasenweise weniger belastbar, obwohl sich an Training und Haltung wenig verändert hat.

Solche Beobachtungen sind für mich Anlass, genauer hinzuschauen. Herpesviren können nach einer Infektion lebenslang im Körper verbleiben und unter bestimmten Bedingungen reaktiviert werden. Deshalb interessiert mich nicht nur das klassische Krankheitsbild, sondern auch die Frage, welchen Anteil eine virale Belastung am Gesamtgeschehen haben könnte.

Welche Rolle spielen dabei Jahreszeit, Haltung, Vorgeschichte, Immunsystem und zusätzliche Belastungsfaktoren? Im fachlichen Austausch mit Tierärztinnen, unter anderem aus der Akupunktur, betrachten wir solche Zusammenhänge aus unterschiedlichen therapeutischen Blickwinkeln. Auch mögliche Störfelder und ihr Einfluss auf die Regulation des Organismus können dabei eine Rolle spielen.

Wiederkehrende Beobachtungen sind wertvoll. Sie eröffnen neue Fragen, erweitern die Fallbetrachtung und geben Hinweise darauf, wo eine individuelle Unterstützung ansetzen könnte.

Was bedeutet das für die Unterstützung?

Bei einer akuten Erkrankung stehen die tiermedizinische Abklärung und Behandlung im Vordergrund. Je nach Erreger und Krankheitsbild können unterschiedliche Massnahmen notwendig sein.

Daneben stellt sich die Frage, wie der Organismus in seiner Regeneration und Widerstandsfähigkeit unterstützt werden kann. Je nach Situation spielen die Fütterung, die Versorgung mit essenziellen Nährstoffen, die Belastungsgestaltung und eine möglichst stressarme Haltung eine Rolle. Ergänzende naturmedizinische Ansätze werden individuell auf das Pferd abgestimmt.

Auch nach einer überstandenen akuten Erkrankung lohnt es sich, die weitere Entwicklung im Blick zu behalten. Wie gut ein Pferd Belastungen verarbeitet und sich erholt, hängt vom Zusammenspiel verschiedener Faktoren ab.

Das Gesamtbild entscheidet

Neben Viren können auch andere Infektionen und Erkrankungen die Gesundheit eines Pferdes beeinflussen. Haltung, Fütterung, Trainingsbelastung, soziale Beziehungen, Vorgeschichte und individuelle Stressfaktoren gehören deshalb ebenfalls in die Betrachtung.

Ein Pferd, das zahlreiche Stallwechsel und Veränderungen in seiner sozialen Gruppe erlebt hat, bringt möglicherweise andere Voraussetzungen mit als ein Pony, das seit Jahren in einer stabilen Herde lebt. Auch frühere Erkrankungen, wiederkehrende Entzündungen oder Phasen hoher körperlicher und psychischer Belastung können relevant sein.

In meiner Fallanalyse betrachte ich deshalb nicht nur einzelne Symptome oder mögliche Erreger, sondern die Situation des gesamten Pferdes. Ziel ist es, Belastungsfaktoren zu erkennen und Ansatzpunkte für eine individuelle Unterstützung zu finden. Die naturmedizinische Analyse ergänzt dabei die tiermedizinische Diagnostik.

Denn für mich geht es darum, die Situation des einzelnen Pferdes zu verstehen und die Unterstützung daran auszurichten.

Viren sind winzig. Ihre Auswirkungen können erstaunlich mächtig sein.

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